Drei aktuelle Entwicklungen werden die Kapital- und Kryptomärkte langfristig prägen

2021 war aus Anlagesicht ein Boom-Jahr: Der Aktienhandel hat in der ersten Jahreshälfte massiv zugelegt bis hin zu Übertreibungen rund um Gamestop & Co, der Krypto-Handel erlebte ebenfalls einige Höhen, aber auch Tiefen. Nach Ansicht von Hartmut Giesen, Digitalisierungsexperte bei der Sutor Bank, lassen sich aus den Entwicklungen drei langfristige Folgerungen für die Krypto- und Kapitalmärkte ableiten.   

Das Jahr 2021 bot viel Dynamik an den Kapital- und Kryptomärkten. Die Entwicklung ging sowohl bei Aktien als auch bei Kryptowerten auf das Jahr gesehen deutlich nach oben – doch mit deutlich höherer Schwankungsbreite bei Kryptowerten. Interessanterweise offenbaren die in diesem Jahr offengelegten Boom-Muster gleichzeitig auch Indikatoren und Treiber für Umbrüche am Kapitalmarkt hinsichtlich Anlagekultur, Anlageklassen und Technologie. Drei Entwicklungen dürften sich als langfristig nachhaltig erweisen.

#1 Kapitalmarktkultur ist entstanden – Trading als Trigger für Sparpläne

Es ist eine Kapitalmarktkultur entstanden, die es vorher so nicht gegeben hat. Aktien kaufen ist hip geworden. Das Geschäftsmodell Brokerage hat geboomt wie kein anderes Anlage-Geschäftsmodell vorher. Dieses vereinfachte Angebot der Neobroker inklusive deren Gaming-Elemente hat die Kapitalmarktkultur nachhaltiger verändert als alle bisherigen Ansätze, die stärker auf Aufklärung und edukative Elemente gesetzt haben – etwa die Robo-Adviser und ähnliche Angebote mit Fokus auf langfristigen Fondssparplänen. Der Trend zur Aktienanlage lässt sich an der Entwicklung der Wertpapierdepots ablesen: Seit Januar 2021 liegen die Wachstumsraten jeden Monat bei über 8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, wie Zahlen der Bundesbank belegen. Zum Vergleich: 2018 und 2019 lagen die Zuwachsraten nur bei rund 1 bis 2 Prozent pro Monat gegenüber dem Vorjahresmonat. Die Zahl der Depots liegt inzwischen bei über 27 Millionen in Deutschland.

Der Trading-Boom kann als Sturm-und-Drang-Phase der Neo-Kapitalmarktkultur bezeichnet werden – mit dem Spekulieren als ein Verhandlungsmuster, das zur Lernkurve eines Neo-Anlegers gehört. Es ist davon auszugehen, dass der Trading-Boom, der zum Teil durchaus zockerhafte Auswüchse hatte, auch „vernünftige“ Anlageformen fördern wird. Denn wer Aktien über ihre „Hipness“ kennengelernt hat, wird auch eher mit einem Fondssparplan langfristig anlegen als jemand, der sein Geld bisher nur auf dem Konto liegen hatte. Auch die Neobroker gehen davon aus, dass ihre Kunden sich in diese Richtung bewegen werden, nehmen Sparpläne in ihr Portfolio auf und propagieren dieses Angebot stark, wie etwa Trade Republic oder Just Trade. Die Statistik zeigt: Vor allem das Segment der ETF-Sparpläne legte zuletzt kräftig zu. Gemäß Zahlen des ETF-Portals extraETF stieg die Zahl der ETF-Sparpläne von Dezember 2020 bis September 2021 rasant von gut 2 Millionen auf knapp 3 Millionen.

Dieser Trend gilt auch für Kryptowerte, wo Unternehmen wie coindex Sparpläne auf Kryptowerte anbieten.

#2 Kryptowerte haben sich zu einer eigenen Anlageklasse entwickelt

Kryptowerte haben sich neben Wertpapieren inzwischen zu einer eigenen Anlageklasse entwickelt. Der Kauf und Verkauf von Kryptowerten wurde genauso einfach wie der Handel mit Wertpapieren, den Neobroker bereits radikal simplifiziert haben. Kryptowerte wurden dadurch von einer „Nerd-Arena“ zu einem Mainstream-Thema mit Hipness-Charakter, über das die Abendnachrichten berichteten. Was bei den Aktien der Meme-Wert Gamestop war, war bei den Kryptowerten die Spaßwährung Doge.

Kryptowerte werden sich als Anlageklasse sowohl für Privatanleger als auch für institutionelle Investoren weiter etablieren. Das ist auch erkennbar an der Gesetzgebung: Deutsche Fonds dürfen inzwischen auch in Kryptowerte investieren, die ersten Krypto-ETFs erscheinen und sämtliche große Banken arbeiten inzwischen an Kryptoangeboten für ihre Kunden. Damit werden Anlagen in Kryptowerte auf „normalem“ Wege möglich, ohne dass sich Kunden um Themen wie Wallets kümmern müssen.

#3 Kryptowert- und Wertpapierhandel wachsen technologisch enger zusammen

Auch technologisch hat sich beim Thema Anlage einiges getan: Kryptowerte, Wertpapiere und auch andere Vermögenswerte wachsen technologisch und prozessual zusammen. Bei den erfolgreichen Neobrokern können heute schon Wertpapiere und Kryptowerte parallel gehandelt werden, eben weil Kunden beides handeln wollen. Die Anlagevielfalt wird durch die Blockchain-Technologie weiter zunehmen: Token auf Blockchains verkörpern schon heute nicht nur verschiedene Kryptowerte, sondern repräsentieren diverse Vermögenswerte wie etwa Immobilien oder Anleihen. Künftig wird es auch elektronische Wertpapiere geben, die Blockchain-basierend sind. Damit werden die Anlageklassen nicht nur über die gleichen Kanäle verkauft, sondern basieren auch auf der gleichen Technologie. Das vereinheitlicht die Prozesse, macht sie effizienter und preiswerter.

Ein ganz wichtiger Aspekt ist, dass man künftig ohne Zeitverzögerung über verschiedene Anlageklassen hinweg handeln kann. Denn bevor man das Geld für verkaufte Aktien erhält, vergehen heute zwei Tage. Kryptowerte müssen aber sofort bezahlt werden. Ein Wechsel von Aktien in Kryptowerte kann also zwei Tage dauern, in denen der Markt schon wieder gefallen oder gestiegen ist. Einige Neobroker wie etwa Just Trade managen im Hintergrund, dass mit dem Geld aus verkauften Aktien sofort weitergehandelt werden kann. Basieren sowohl Aktien als auch Kryptowerte auf einer Blockchain-Infrastruktur, auf der auch Geldwerte repräsentiert werden, kann alles in Echtzeit passieren.

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