SXSW, Fintech und die nächste Revolution

Verschiedentlich war zu lesen und zu hören, dass die Fintech-Revolution abgesagt sei. Die SXSW war vordergründig ein Beleg dafür: Es gab zwar einen Fintech-Track im Startup-Accelerator-Programm der SXSW (mit Teilnehmern, die die Finanzwelt nicht aus den Angeln heben werden), darüber hinaus aber nur wenige dezidierte Fintech-Veranstaltungen. Deren Qualität war für den fortgeschrittenen Fintechie eher gemischt; die Nicht-Fintech-Spezialisten, die auf der SXSW natürlich in der überwältigenden Mehrheit sind, könnten das aber vielleicht anderes gesehen haben).

Just von der SXSW zurück, war der Autor auf der Handelsblatt-Jahreskonferenz Privatkunden. Dort erklärte Christian Nagel vom Wagnisfinanzierer EarlybirdVC, der in eine ganze Reihe von Fintechs investiert ist: Die wahre Fintech-Revolution kommt erst noch, wenn nämlich die Technologien KI und Blockchain voll auf die Branche durchschlagen.

Und auch dafür war die SXSW ein Beleg: Um Blockchain, die als“ Träger“ des Bitcoin einen  klaren Fintech-Ursprung hat, und noch mehr um KI drehten sich gefühlt die Hälfte aller Sessions in Austin; dabei ging es nicht nur um ihren Einsatz in Finanz-Kontexten, sondern um wirtschaftliche, gesellschaftliche und geschäftliche Folgen über alle Branchen und Lebensbereiche hinweg; was auch wieder typisch SXSW ist.

Dabei wurde die Blockchain, einst als Technologie für die Kryptowährung Bitcoin entwickelt, von höchster strategischer Warte genauso betrachtet wie in den Tiefen der technischen Details. Josef Lubin, Mitgründer der Blockchain-Technologie Ethereum, sprach im größten SXSW-Konferenzsaal, der den digitalen Topacts und den großen Fragestellungen der Zukunft vorbehalten war, über die weltverändernde Kraft der Technologie, nicht nur für den Finanzsektor. Die Blockchain-Entwickler tauschten sich auf ihren Sessions über Programmiersprachen und Software-Architekturen aus.

Besonders kontrovers ging es rund um das Blockchain-Thema ICO her: Über ICO – Initial Coin Offerings – sammeln Startups zurzeit sehr viel Geld ein, ohne dass immer klar ist, welchen inhärenten Nutz-, Rechts- oder Asset-Wert dieser Coin besitzt. Die Investoren hoffen hier einfach, dass der Wert des Coins aus welchen Gründen auch immer steigt und sich ähnlich wie eine Aktie gewinnbringend wieder verkaufen lässt (mit einer Aktie besitzt man allerdings einen Teil des jeweiligen Unternehmens). Die Meinungen zu ICO reichen von „80 % sind Betrug“ bis „sie werden die Finanzierung von Unternehmen revolutionieren“.

Den Wert der (und die Bedrohung durch die) Blockchain haben auch die Banken erkannt. Statt zu warten, dass sich die Fintechs der Innovation bemächtigen, investieren sie hier selbst massiv. So stellte J. P. Morgan seine Blockchain-Initiativen ebenfalls prominent in einem der großen Konferenzsäle in Austin vor.

Blockchain-Kritiker und -Enthusiasten waren sich fast einig darin, dass die finanziellen Blockchain-Geschäfte, sei es der Einsatz von originären Digitalwährungen oder das Einsammeln von Kapital via ICO, strenger reguliert werden müssen. Nur so könnten Missbrauch und Betrug reduziert werden und die Technologie zu einem der „Internet der Werte“ werden.

Allerdings müsse bei der Regulierung darauf geachtet werden, dass dabei die Chancen für eine dezentralere Wirtschaft und Gesellschaft nicht verbaut werden.

 

Tenor der Diskussionen auf der SXSW war in jedem Fall, dass die Blockchain die Finanzwelt und viele andere Lebens- und Geschäftsbereiche sehr nachhaltig verändern wird (die Musik- und die Filmindustrie verhandelten auf ihren Konferenzteilen ebenfalls intensiv ihre Anwendungsmöglichkeiten, etwa beim Management von Rechten).

 

Ein noch größeres Veränderungspotenzial als der Blockchain wird der Künstlichen Intelligenz zugebilligt, wenn man Wirtschaft, Gesellschaft und Politik als Ganzes betrachtet. Hier war und ist durch die universelle Anwendbarkeit künstlicher Intelligenzen aber das Spektrum so breit, dass es auf SXSW keine spezifischen Diskussionen zur KI in Finanzkontexten gab – das werden dann vermutlich die Fintech-Themen der SXSW-Sessions des nächsten Jahres sein.

 

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